Die Hausarztpraxis ist der erste Anlaufpunkt für über 90% der deutschen Bevölkerung. Jeden Morgen jonglieren Hausärztinnen und Hausärzte zwischen Bagatellen und Schwerkranken, zwischen medizinisch relevanten Information und dem Bedürfnis zu schnacken. Von den ca. 30.000 möglichen Diagnosen kommen nur etwa 30 häufig vor – und dennoch müssten eigentlich alle griffbereit sein.
KI könnte in dieser Frage sehr helfen, nicht nur in Anamnese und Diagnose, sondern auch in der Nachbetreuung der Patienten. Und meistens werden Dr. Google und Dr. ChatGPT schon lange vor dem Arzttermin konsultiert, mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen.
Unser Studiogast Prof. Dr. Jochen Gensichen leitet das Institut für Allgemeinmedizin am LMU Klinikum München und forscht genau an dieser Schnittstelle von Daten, KI und der Praxis. Er ist Hausarzt aus Überzeugung und Wissenschaftler mit dem Blick auf das, was in der Medizin wirklich wirkt.
Im Gespräch mit uns erklärt er, warum KI in Hausarztpraxen heute vor allem als besserer Dokumentar genutzt wird — und nicht als Diagnose-Maschine. Wir sprechen über AVA, ein KI-Telefonprojekt für kognitiv beeinträchtigte Patienten, das Impfquoten messbar steigert. Und wir hören, warum ausgerechnet Scham der unterschätzte Schlüssel ist: Was wir dem Arzt vielleicht nicht sagen möchten, vertrauen wir der KI meist viel einfacher an.
Hört rein — und überlegt danach, ob ihr beim nächsten Arztbesuch auch die richtigen Fragen stellt.
Unser Studiogast
Prof. Dr. med. Jochen Gensichen, MPH, Dipl. Päd., ist Direktor und Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeinmedizin am Institut für Allgemeinmedizin des LMU Klinikums München. Er leitet das Institut seit Oktober 2016 und gehört zu den führenden Köpfen der deutschen Hausarztforschung.
Gensichen studierte Humanmedizin und Erziehungswissenschaften in Köln und München sowie Gesundheitswissenschaften in Hannover. Nach einem Forschungsaufenthalt in Seattle (USA, gefördert durch die Max Kade Foundation) habilitierte er sich im Bereich psychische Gesundheit in der Primärversorgung an der Goethe-Universität Frankfurt. Zuvor war er Gründungsdirektor des Instituts für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Jena (ab 2008) und hatte dort bis 2016 die Professur inne.
Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Versorgungsforschung, der Behandlung chronischer Erkrankungen und der psychischen Komorbidität in der Hausarztmedizin. 2020 erhielt er den renommierten David-Sackett-Preis. Seit 2021 ist er Sprecher des DFG-Graduiertenkollegs POKAL. 2025 wurde er in die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina aufgenommen.
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🌐 Website: LMU Klinikum – Institut für Allgemeinmedizin
